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15.01.2024 18:26 Alter: 96 days
Kategorie: Zahnheilkunde

Neue S1-Leitlinie Trigeminusneuralgie erschienen

Operative oder ablative Therapieverfahren als kausale Therapie


 

 

In den vergangenen Jahren haben neue Erkenntnisse zur Pathophysiologie der Trigeminusneuralgie zur Änderung der Klassifizierung geführt.

 

Daraufhin sei es an der Zeit gewesen, die S1-Leitlinie „Trigeminusneuralgie“ nach mehr als zehn Jahren grund­sätzlich zu überarbeiten, berichtete Gudrun Goßrau vom Universitätsklinikum Dresden, 1. Vizepräsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bei einer Pressekonferenz im September 2023. Jetzt ist die Leitlinie erschienen. Die neue Klassifikation basiere auch auf neuen diagnostischen Möglichkeiten, er­klärte Goßrau. Unterschieden wird die klassische Trigeminusneuralgie in der überarbeiteten S1-Leitlinie von der sekundären und der idiopathischen Trigeminusneuralgie. Gemeinsam ist den drei Formen die klinische Präsentation: Dazu zählen paroxysmale einseitige Gesichtsschmerzattacken. Ein Teil der Patienten weise zudem einen anhaltenden Hintergrundschmerz auf, sagte die DMKG-Expertin.

 

„Diagnostiziert wird die Trigeminusneuralgie primär klinisch. Eine MRT (Magnetresonanztomografie) ist erfor­der­lich, dabei bleibt das 3-Tesla-MRT weiterhin Goldstandard“, so Goßrau. Ganz essenziell sei das kraniale MRT mit Kontrastmitteln und insbesondere eine Feinschichtung des Hirnstammes.

 

Während bei der klassischen Trigeminusneuralgie eine neurovaskuläre Kompression mit morphologischen Ver­änderungen der Wurzel des Trigeminusnervs nachgewiesen werden kann, steht bei der sekundären Trigeminus­neuralgie der Nachweis einer Grunderkrankung im Fokus. Das können unter anderem Multiple Sklerose oder eine raumfordernde Läsion im Gehirn sein. „Die sekundäre Form macht immerhin 15 Prozent der Patienten aus und ist nicht zu vernachlässigen“, betonte Goßrau. Bei der idiopathischen Trigeminusneuralgie sind keine Auffälligkeiten in elektrophysiologischen Tests oder im MRT sichtbar.

 

Wenig zugelassene Medikamente, einige Off-label-Optionen

 

Die Trigeminusneuralgie wird zunächst medikamentös behandelt, Carbamazepin ist weiterhin das Mittel der Wahl. Oxcarbazepin besitzt eine vergleichbare Wirkung wie Carbamazepin, ist jedoch in Deutschland nicht zugelassen für die Therapie der Trigeminusneuralgie und kann nur off-label eingesetzt werden. Eine Einschränkung in der Behandlung bestünde darin, dass die Krankenkassen in der Regel diese Off-label-Präparate nicht erstatten, obwohl sie indiziert wären, kritisierte Goßrau. Diese Einschränkung gilt für viele me­dikamentöse Therapien der Trigeminusneuralgie und hat Einfluss auf die Versorgungsrealität der Patientinnen und Patienten.

 

Zahlen und Fakten

 

Zwar ist die Trigeminusneuralgie nicht sehr häufig; die Lebenszeitprävalenz liegt bei 0,16 bis 0,7 Prozent. Allerdings können die Attacken die Betroffenen stark belasten. Dabei sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer (60 Prozent : 40 Prozent). Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 53 bis 57 Jahren. Aufgrund der demografischen Entwicklung Deutschlands ist von einer Zunahme an Patientinnen und Patienten auszugehen.

 

Ein zugelassenes Medikament ist Phenytoin, das bei einer Zunahme der Schmerzen eingesetzt wird. Als dauerhafte Medikation wird es in Kombinationstherapien eingesetzt. Diese können sinnvoll sein, da sie Einzeldosen reduzieren und synergistische Effekte möglich sind. Berücksichtigt werden müssen insbesondere beim Einsatz von Carbamazepin und Phenytoin zahlreiche pharmakologische Interaktionen und auch die umfangreichen Nebenwirkungen.

 

Dies sei bei Patientinnen und Patienten im höhe­ren Lebensalter und mit vorhandener Polypharma­zie klinisch relevant, erklärte Goßrau.

 

Operative oder ablative Therapieverfahren als kausale Therapie

 

Bei unzureichender Wirkung der medikamentösen Prophylaxe oder bei intolerablen Nebenwirkungen empfiehlt die Leitlinie operative oder ablative Therapieverfahren. Dabei entscheidet auch die Ursache der Trigeminus­neuralgie über einsetzbare Verfahren.

 

Die mikrovaskuläre Dekompression schützt den Nerv vor weiterer Zerstörung, was sich auch klinisch zeigt: „Patienten zeigen insbesondere in den ersten sechs Monaten nach der Operation eine gute Schmerzreduktion“, sagte die Fachärztin für Neurologie – Spezielle Schmerztherapie vom Universitätsklinikum Dresden. Auch zum Langzeitverlauf liegen zunehmend Daten vor, die eine Schmerzreduktion durch die kausale Therapie zeigen würden, so Goßrau.

 

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Eine Reihe anderer invasiver Therapien können laut Leitlinie in Spezialsituationen oder bei sekundären Trige­minusneuralgien diskutiert werden. Dazu zählen perkutane Verfahren im oder am Ganglion Gasseri.

 

Hier ist die temperaturgesteuerte Koagulation durch Radiofrequenz laut Goßrau das präferierte Verfahren. Sen­sible Ausfälle im Trigeminusbereich können als Nebenwirkungen auftreten. Eine andere Möglichkeit ist die Radiochirurgie mit Gamma-Knife, Cyber-Knife oder Linearbeschleuniger.

 

„Die Trigenimusneuralgie tritt eher im Alter auf – daher müssen wir mit einer Zunahme in den nächsten Jahren rechnen“, so Goßrau. Das Krankheitsbild zeigt sich durch wiederkehrende und sehr heftige Schmerzattacken von bis zu zwei Minuten Dauer im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus, meist im Ober- oder Unterkiefer. © gie/aerzteblatt.de; 12. Januar 2024