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29.12.2023 13:50 Alter: 113 days
Kategorie: Berufspolitik, Gesundheitspolitik, Kommentare

Gastbeitrag / Kommentar von Dr. Georg Kolle (Präsident der PZVD)


 

 

Gifhorn, 29. Dezember 2023:

 

Autor: Dr. Georg Kolle, Präsident der Privatzahnärztlichen Vereinigung Deutschlands (PZVD e.V.):

 

Wir müssen erwachsen werden!

 

Streik ist das erste, was Vielen einfällt, wenn es um die scheinbar ungerechte Behandlung in Honorarfragen geht. Wie arm ist das.

 

Wir sind schlecht erzogen

 

Mit ewig gleichen Rezepten scheinen uns unsere Körperschaften immer tiefer in das dunkle Ende der Sackgasse geführt zu haben.

 

Wie junge Erwachsene sich von den für die neue Zeit nicht mehr funktionierenden Rezepten der Eltern lösen müssen, so sollten auch die ZahnärztInnen alte Ideen, die schon seit Jahrzehnten nicht funktionieren, endlich aufgeben!

 

Überbordende Pflichten beklagen wir zu Recht. Müssen wir doch alle Steckdosenleisten regelmäßig überprüfen lassen und dicke Rechnungen von Leuten begleichen, die weder mit ihrem Wissen noch mit ihrem Fleiß in die Nähe dessen kommen, was ZahnärztInnen in Deutschland aufzubringen haben.

 

Unsere Abrechnungen hingegen scheinen im letzten Jahrtausend festgenagelt zu sein. Spoiler: Das sind sie nicht, wir können unsere Preise selbst machen!

 

Abfuhr mit Ansage für die Ärzte

 

Die Ärzteschaft erlebt gerade, dass ein halbgarer Streik den Bundesgesundheitsminister nur zu einer PR-Kampagne veranlasst.

 

Schon vor Weihnachten nahm er den Ärzten den Wind aus den Segeln, indem er öffentlich verlautbarte, dass er doch schon für Januar - nach der Streikphase also – den Ärzten Gespräche angeboten hat, die Entlastungen bringen sollen. Direkt zu den Gesprächen beim Weihnachtsbraten wandte er sich nicht an die Ärzte, sondern an die Öffentlichkeit und warf Zahlen von Brutto- und Nettoverdiensten der Ärzteschaft in den Raum und rührte alles ordentlich durch. Mal sprach er vom Praxisumsatz, die Behandleranzahl blieb ungenannt, mal von Gewinnen und all den Vorteilen Selbständiger auf die Angestellte schon immer neidisch waren.

 

Nachgeschoben hat er dann, dass natürlich nicht mehr Geld für die verwöhnte Ärzteschaft da sei, weil man es ja dem Müllwerker und den anderen Angestellten über die GKV-Beiträge wegnehmen müsste.

 

Der Ärtzeschaft fiel hierauf nichts anderes ein, als in den berufsinternen Medien auf die Themen des Prof. Lauterbach einzugehen und somit nach seinen Regeln zu spielen.

Das wird die Ärzteschaft nur mit neuen Pflichten zurücklassen.

 

Brutto, Netto, Neiddebatte

 

Es ist ein vergebliches Unterfangen, wenn man so Verbesserungen für die Praxen erreichen will. Netto und Brutto versteht ja schon keiner und wenn man erst anfangen muss, den Unterschied zwischen Selbständigkeit und Angestelltengehältern zu erklären, hat man bereits fast alle Zuhörer verloren.

 

Kündigt man dann zum Leidwesen der Zuhörerschaft noch an, die Streiks im Januar auszudehnen und die Wartezeiten auf Termine zu verlängern, weil man angeblich so wenig verdiene, dann bringt man nicht nur die GKV-Einzahler gegen sich auf, man benimmt sich selbst als wäre man Angestellter.

 

Streik ist das Vorrecht der abhängig Beschäftigten. Als Zahn/-Arzt oder -Ärztin ist man jedoch nur dann abhängig beschäftigter Franchise-Unternehmer, wenn man das Spiel nach den Regeln der Anderen spielt, sich von ihnen Preise auferlegen lässt und nur die belegten Fastfood-Brötchen anbietet, die McGKV auf der Speisekarte stehen hat.

 

Benehmen wie die Teenager

 

Fantasielosigkeit ist hier vor allem bei den Ärzten breitflächig zu sehen, die überhaupt noch keine Ahnung haben, was denn in der Medizin überhaupt machbar sein könnte, wenn man sich mal außerhalb des Kassenkatalogs bewegen würde.

Die Kasse zahlt alles, was die meisten Ärzte kennen, mehr haben sie noch nicht gelernt, mehr haben ihre „Eltern“ ihnen nicht gezeigt – die meisten Ärzte kennen und können gar nicht mehr als das, was Kassenleistung ist. Was ist das für ein Elend!

 

Aber auch ein großer Teil der Zahnmediziner hat außer der Füllung mit Zuzahlung oder der Molarenverblendung nichts zu bieten, was sich vom Kassenkatalog unterscheidet.

 

Wofür also wollen sie mehr Taschengeld?

 

Wer aber den Unterschied zwischen GKV- und Privatbehandlung allein in der Anwendung von BEMA oder GOZ sieht, wer keinen Unterschied kennt in Methoden, Verfahren, Abläufen und Möglichkeiten, dem geschieht es ganz recht, dass er in Abhängigkeit sein Arbeitsleben fristet. Denn er ist ja nicht selbständig.

 

Die KZVen als Hüter einer bunten Bande von zugelassenen Teenies ergehen sich derweil darin, atemlos die „Familie“ nach BMG-Vorgaben am Laufen zu halten und selbst für die eigene Rente vorzusorgen. Die Automatschiks üben blinden Gehorsam und pöbeln mal brav auf der Klassenkonferenz, wenn neue Drangsalierung droht, die sie jedoch nicht zu verhindern wissen werden.

 

Ablösung gehört zum Erwachsenwerden

 

Es ist seit Jahrzehnten zu sehen, dass die stereotypen Handlungsweisen der „Erziehungsberechtigten“ nicht fruchten. Sie führen uns in Abhängigkeit.

 

Freiheit, die für Medizin unabdingbar sein muss, müssen wir nicht erst erstreiten, sie ist Gesetz in Deutschland. Wir müssen sie aber leben!

 

Besonders in der Zahnmedizin als Teilbereich, der nicht überlebenswichtig ist, sind wir wie das jüngste Kind, das die meisten Freiheiten genießt, schon deswegen, weil die Eltern keine Zeit erübrigen können. Es wurden nicht alle möglichen Verfahren zur Kassenleistung gemacht und diese Tendenz sollten wir auch nicht fördern, wie jüngst im Falle von PAR-Leistungen, die nun mit im Budget-Netz hängen.

 

Wer unabhängig sein will, der muss sich von den Forderungen Anderer lösen, der muss aufhören, nur zu machen, was die wollen.

 

Ausreichend leisten

 

Der Reflex, die Kassenzulassung zurückgeben zu wollen, beruht auf einer alten Idee, die heute so nicht einfach funktioniert.

 

Zu viele Versicherte sind in der GKV und die anderen meiden die Praxen aus Sparsamkeit. Doch fast die Hälfte der GKV-Versicherten ist zusatzversichert. Allerdings gehen sie fast immer mit Chipkarte los und so wird diese mit ihrem ausreichenden Leistungsversprechen zum ersten, wichtigen Filter.

Die Revision der Molaren - Wurzelbehandlung wird oft erst gar nicht vorgeschlagen oder nur als reine Privatbehandlung, die die Zusatzversicherung dann auch nicht zahlt. Und so wird die Zusatzversicherung oft erst für die Molarenverblendung der Brücke in Anspruch genommen.

Das ist die falsche Reihenfolge!

 

Führung macht erfolgreich!

 

Ja, bitte, bitte lassen Sie uns nur das leisten, was Vorschrift der BEMA-Richtlinien ist: ausreichende Billigbehandlung, wenn jemand die Chipkarte vorlegt.

Aaaber: Zuvor müssen die PatientInnen erfahren, dass sie in die Kostenerstattung wechseln können, um sich bessere, gute oder richtig gute Medizin aussuchen zu können und die Kasse und die Zusatzversicherung zahlen trotzdem!

 

Wer wäre dann als GKV-Versicherter und Zusatzversicherter so doof, nicht für Zahnmedizin in die Kostenerstattung zu wechseln, wenn es von beiden Versicherungen mehr Geld für bessere Medizin gibt?

 

In unserer Praxis läuft das sehr rund, wir lassen den PatientInnen die Wahl, wie gut sie behandelt werden wollen und reden nicht darüber, wie viel wir verdienen müssen, sondern darüber dass die Kasse sich auch an Verfahren beteiligen kann, die auf Chipkarte nicht zu bekommen sind.

 

Den Auftrag, die Kassenbehandlung wirtschaftlich (sparsam) zu vollbringen erfüllen wir dabei ganz vorbildlich. Das geht so weit, dass wir unser Gesamtbudget bei weitem nicht ausschöpfen, entsprechend klein sind die Tantiemen, die die KZV von unserer Arbeit sieht. Wir schreiben unsere Rechnungen überwiegend direkt an die PatientInnen.

 

Und die Preise, die darauf stehen, die liegen selbstverständlich überwiegend über Faktor 3,5. GKV-Versicherten ist das herzlich egal, sie gehen davon aus, dass sie etwas zuzahlen müssen und wir können bessere Medizin nicht für weniger Geld erbringen, das muss man nicht erklären.

 

Veränderung tut gut

 

Veränderung ist heute überlebenswichtig.

 

Wir müssen die alten Sitten abstreifen und die alten Freiheiten neu entdecken. Das geht nicht von heute auf morgen aber schon übermorgen.

 

Manche Schritte muss man vorsichtig machen und manchmal muss man auch wieder aufstehen und das Krönchen richten. So ist das, wenn man erwachsen, wenn man selbständig wird.

 

Wir Privatzahnärzte sind nicht deswegen „privat“, weil wir keine Kassenzulassung hätten, die meisten von uns haben eine. Wir sind dies, weil wir uns nicht sagen lassen, wie wir es zu tun hätten, das sind wir, weil wir anders denken.

 

Denken muss man üben, neue Gedanken muss man hören, kennen lernen, verinnerlichen. Auf dem Privatzahnärztetag in Erfurt am 12. und 13.01.24 haben wir dazu Referenten aus unterschiedlichen Berufen, wir schauen weit über den Tellerrand hinaus.

 

Das Wichtigste aber ist beim Erwachsenwerden, dass man Freunde findet, mit denen man reden, Ideen austauschen kann. Der Privatzahnärztetag ist offen für alle, die neu und freier denken wollen. Wir teilen gern unsere Erfahrung, wir helfen gern auf neue Wege. Noch sind Plätze frei, die Anmeldung über www.pzvd.de ist noch möglich. Lassen Sie mal frischen Wind in Ihre Gedanken, in Erfurt, in der Mitte Deutschlands, gibt es reichlich gut investierte Zeit – budgetfrei!

 

Autor: Dr. Georg Kolle (PZVD e.V.) am 29. Dezember 2023,Gifhorn, Präsident der Privatzahnärztlichen Vereinigung Deutschlands (PZVD e.V.)