Zum Hauptinhalt springen

Aktuell

< Finanzierung des Konnektor-Tausches
22.07.2022 08:45 Alter: 28 days
Kategorie: Berufspolitik, Gesundheitspolitik, GKV-Szene, Medien & Internet

Chipmangel: Mindestens 400.000 elektronische Gesundheitskarten fehlen

Besonders betroffen: AOK Nord-West (NR und W-L)


 

 

Weltweit sind durch die Coronapandemie Lieferketten unterbrochen und durchein­andergewirbelt worden. Das hat zahlreiche Auswirkungen auf die Produktion von Gütern. Insbesondere der Erwerb von technischen Geräten ist aufgrund eines akuten Chipmangels oftmals nur mit langen Lieferzeiten verbunden. Chips bestehen aus Halbleitermaterial, das in sehr vielen kleinen Einzelschritten aufwendig hergestellt werden muss. Das Problem: Sie sind nicht nur etwa in Smartphones, Computern oder Autos verbaut, sondern auch in elektronischen Gesundheitskarten (eGK). So spürt auch das Gesundheitswesen die erhöhte Nachfrage und damit die stockenden Lieferketten der Chips. „Nach Einschätzung der Gematik sind von der aktuell angespannten Situation auf dem Chipmarkt alle Karten­hersteller betroffen, mit Auswirkungen auf die Ausgabe der eGK, wo es punktuell zu verzögerten Auslieferungen der Karten kommt", erklärte die Gematik auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes ().

 

Diese Konsequenz des überhitzten Marktes spürt derzeit vor allem die AOK. In den Regionen Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe sei die AOK Nord-West akut vom Chipmangel betroffen. So konnte die Kasse in den vergangenen Wochen rund 400.000 Versicherten nicht mit einer neuen eGK, sondern lediglich mit einer Ersatzbescheinigung ausstatten, erläuterte ein Sprecher des AOK-Bundesverbands dem . „Das hängt damit zusammen, dass in diesen Regionen bei vielen Kunden die fünfjährige Gültigkeit der Karten abgelaufen ist und der anstehende Kartenaustausch genau in das Zeitfenster der Lieferverzögerungen fiel“, sagte der Sprecher. Weiter gebe es derzeit keine belastbare Schätzung, wie viele weitere Ersatzbescheinigungen über den Sommer ausgestellt werden müssten. Allerdings seien die elf AOKen mit ihrem Dienstleister, dem Kartenhersteller Giesecke+Devrient (G+D), in enger Abstimmung über anstehende Chiplieferungen.

 

Für Versicherte, die anstatt einer gültigen eGK lediglich eine solche Ersatzbescheinigung haben, bestehe aber kein Nachteil in der medizinischen Versorgung, betonte der Sprecher des AOK-Bundesverbands. „Sie können die in diesem Fall von der AOK ausgestellte Ersatzbescheinigung anstelle der eGK bei ihrem Arzt- oder Zahnarztbesuch vorlegen. Die Leistungen werden dann wie bisher vom Arzt oder Zahnarzt erbracht und direkt mit der zuständigen Krankenkasse bzw. der Kassenärztlichen Vereinigung abgerechnet.“

 

Auch der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) sagte dem , dass die Ersatzbescheinigung auf Papier eine etablierte Lösung sei, die in den Praxen problemlos anerkannt werde. „Versicherte bekommen diese Ersatzbehandlungsscheine von ihrer Kranken­kasse, der Aufwand ist also relativ gering und selbstverständlich haben alle Versicherten damit genauso Zugang zur ärztlichen Versorgung wie mit der Gesundheitskarte.“ Der Aufwand in den Praxen ist tatsächlich eher gering, sollte der Patient oder die Patientin in der Arztpraxis bekannt sein. In diesem Fall müssen die Daten der Ersatzbescheinigung mit denen im Praxisverwaltungssystem abgeglichen und gegebenenfalls angepasst werden, erklärte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe dem . Ist der Patient der Praxis aber unbekannt, müssten alle Daten manuell in das System aufgenommen werden. „Im Fall einer Vielzahl an Patientinnen und Patienten beziehungsweise bei größerem Andrang in den Praxen – etwa im Rahmen einer Grippe-/Infekt-Welle insbesondere in Hausarztpraxen) – wäre der Aufwand des (...) Ersatzverfahrens am Empfang demzufolge erheblich und könnte Praxen mit Blick auf die Kapazitäten sowie die praxisinterne Behandlungsorganisation mitunter vor Probleme stellen“, ergänzte die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO).

 

Kassen wollen Zahl der Ersatzbescheinigungen möglichst gering halten

 

Um die Auswirkungen des Chipmangels möglichst abzudämpfen, bemühen sich die AOKen eigenen Angaben zufolge, die Anzahl an Ersatzbescheinigungen trotzdem gering zu halten. „Um dies zu realisieren, erfolgt bei­spielsweise eine zeitliche Verschiebung der regelmäßigen Neuausgabe der eGK bei AOK-Versicherten im Rahmen der bestehenden Gültigkeit.“

 

Nicht betroffen sind aktuell die Barmer Krankenkasse und die Techniker Krankenkasse, heißt es auf Anfrage des . Auch die IKK Classic sei derzeit nicht vom Chipmangel betroffen, erklärte eine Sprecherin. „Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch wir in (naher) Zukunft damit Probleme haben werden“, ergänzte sie. Die drohende Verzögerung bei der eGK-Ausgabe aufgrund des Chipmangels und der Engpässe bei den Lieferketten sei der IKK Classic bereits seit dem vierten Quartal 2021 bekannt. Die Kasse sei zudem im ständigen Austausch mit ihrem Kartenhersteller Idemia Germany GmbH.

 

Auch die Gematik befinde sich eigenen Angaben zufolge in einem Regelaustausch mit den Kartenherstellern, „um Meldungen über Lieferengpässe bei den benötigten Chips frühzeitig auswerten zu können, sowie unterstützende Maßnahmen zu eruieren“. Dabei habe die Gematik die globale Marktsituation im Blick. Glaubt man zudem einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ist eine Entspannung der Lage in Sicht. Laut Aussagen der hauptsächlich betroffenen Kartenhersteller würden ab Ende des 3. Quartals 2022 Nachlieferungen von Chipmodulen erfolgen. Damit dürfte der Lieferengpass der Gesundheitskarten in naher Zukunft minimiert werden, schreibt die Bundesregierung.

 

Entspannung ab Oktober 2022 in Sicht

 

Auch der AOK-Bundesverband geht davon aus, dass die AOK Nordwest spätestens im Oktober 2022 alle Versicherten wie gewohnt mit einer eGK ausstatten könne. Sollten die Lager entsprechend gefüllt werden, würde es rechnerisch eine Woche dauern, bis die rund 400.000 fehlenden eGKs gedruckt und versendet werden könnten. Neben dem Chipmangel erschweren aber auch Logistikprobleme die Situation: „Allerdings verhindern derzeit die Logistikprobleme als Nachwirkung des Lockdowns in Shanghai, dass eine entsprechende Anzahl von Chipkarten nach Deutschland gelangt“, sagte der AOK-Sprecher.

 

Und: Die fehlenden Karten würden nun nach und nach aufgearbeitet. „Verfügbare Mehrmengen werden bereits jetzt dazu genutzt, Nachversorgungen vorzunehmen.“ Derzeit erhalten nach Aussage des AOK-Bundesverbands alle Versicherten der AOK Nordwest, die im April eine Ersatzbescheinigung erhalten haben, ihre eGK. „Die Ausstattung der im Mai mit Ersatzbe­scheinigungen versorgten Versicherten wird ebenfalls im Laufe dieses Monats abgeschlossen.“ Etwas weniger optimistisch schätzt die IKK Classic die Situation ein. „Die drohende Verzögerung bei der eGK-Ausgabe aufgrund des Chipmangels und aufgrund der Engpässe bei den Lieferketten bleibt nach Aussage unseres Kartenherstellers auch über das 3. Quartal 2022 hinaus weiter bestehen“, sagte die Sprecherin. Allerdings sei aber davon auszugehen, dass sich das Problem in Zukunft eher entspannen als verschärfen sollte.

 

Chipmangel problematisch für E-Rezept-Nutzung?

 

Die Verzögerung der Ausgabe neuer eGKs könnte sich auch auf die Nutzung von E-Rezepten auswirken. Zwar ist es möglich und derzeit auch der üblichere Weg, das E-Rezept ohne NFC-fähige eGK, über den Papierausdruck (Token) in Apotheken einzulösen. Zudem können E-Rezeptcodes per Handykamera in die E-Rezept-App der Gematik eingelesen werden.

 

Dieser Weg ist aber eigentlich nicht als Standardweg vorgesehen. Um etwa alle Funktionen der E-Rezept-App verwenden zu können, benötigen Versicherte der meisten Krankenkassen eine NFC-fähige eGK sowie ein NFC-fähiges Smartphone, das mindestens über das Betriebssystem iOS 14 oder Android 7 verfügt. Zudem ist eine PIN der Krankenkasse notwendig.

 

Da viele ältere eGKs aber noch nicht über die neuere NFC-Technologie verfügen, ist eigentlich ein Austausch der Karten nötig. Das Ersetzen von noch gültigen (aber nicht NFC-fähigen Karten) wird vor dem Hintergrund des Chipmangels nun aber zunächst hintenangestellt. Quelle: © cmk/aerzteblatt.de Deutsches Ärzteblatt, Donnerstag, 21. Juli 2022